Claviceps purpurea
Schlauchpilze
Bestimmungsmerkmale:
Der Mutterkornpilz ist ein Parasit, der sich während der Gras- und Getreideblüte an der Ähre festsetzt, und entwickelt sich bis zur Reife zu einem 4 cm langen und etwa 3 mm breiten, blauschwarzes, kornähnliches Gebilde. Das Mutterkorn ist wesentlich größer als ein
Getreidekorn und daher recht auffällig.
Standort und Verbreitung:
Der Pilz gedeiht vorwiegend am Roggen, ist aber auch an einigen Grasarten zu finden.
Giftstoffe, Wirkung und Symptome:
Mutterkorn enthält die stark giftigen Alkaloide Ergotamin, Ergotoxin und Ergometrin. Der Wirkstoffgehalt ist stark schwankend. Die Vergiftung beginnt mit Kribbeln in Fingern und
Zehen, der Vergiftete leidet unter Durchfällen, Pupillenerweiterung und Durstgefühl. Da die
Giftstoffe auf das Muskelgewebe wirken, kommt es zu starken Krämpfen und Lähmungen.
Der Patient wird von heißen und kalten Schauern überfallen und muss unter starken
Nervenstörungen leiden, die in Wahnsinnsanfällen gipfeln. Anfälle kehren wochen- und
monatelang wieder und können stundenlang anhalten. Die Vergiftung kann soweit gehen, daß Gliedmassen brandig werden und amputiert werden müssen. Die betroffenen Arme und Beine
können sogar ohne jegliche Blutung vom Körper abfallen. In vielen Fällen hat eine starke Mutterkornvergiftung auch zum Tod geführt. Vergiftungen mit dem Pilz sind heutzutage ausgesprochen selten.
Heilwirkung und Medizinische Anwendung:
Die im Mutterkorn enthaltenen Alkaloide werden bei der Geburtshilfe als Wehenmittel und nachgeburtlich als Mittel zum Blutstillen eingesetzt. Sie wirken selbst noch bei
millionenfacher Verdünnung. Ferner finden sie Anwendung bei Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen, unregelmäßiger Herztätigkeit und bei Migräne. Aus den
Wirkstoffen des Mutterkorns kann auch das stark halluzinogen wirkende LSD (Lysergsäurediäthylamid) hergestellt werden. Es zählt zu den stärksten Rauschmitteln und
wirkt schon bei einer Dosierung von 0,05 mg. LSD kann nicht nur zu ekstatischen
Rauschzuständen (Trips) führen, sondern ist auch in der Lage Wahn- und Angstzustände,
sogenannte “Horrortrips” zu erzeugen. Ein LSD-Tip dauert mehrere Stunden an und
kann sich ohne erneute Einnahme mit der gleichen Wirkung noch nach Tagen wiederholen.
Name:
Seiner Auffälligkeit wegen nannte man den Pilz Mutterkorn. Im Volksmund wurde es auch Wolfszahn, Krähenkralle, Brandkraut und Kornzapfen genannt. Der Gattungsname Claviceps
weist auf die Form des Mutterkorns hin, der Artname purpurea auf seine Farbe.
Geschichtliches:
Mutterkorn hat in vergangenen Zeiten zu schrecklichen Massenvergiftungen geführt. Der auf
dem
Roggen wachsende Pilz konnte sich immer dann ausgedehnt verbreiten, wenn das Frühjahr
naß und der Sommer heiß und windig waren. Roggen war damals, vor allem unter der armen ländlichen Bevölkerung, das Hauptnahrungsmittel. So wird in den Chroniken immer wieder
von Mutterkornvergiftungen berichtet, die ganze Dörfer und Städte befielen und die
Menschen unter dem “Antoniusfeuer”, dem “Heiligen Feuer”, dem “Höllenfeuer” und unter “Ergotismus” leiden ließen. Die ersten Berichte über eine wahrscheinliche
Mutterkornepedimie stammen aus dem Jahr 857 n.Chr. aus Xanten. Es wird dort erst von
einer Hungersnot berichtet und dann eine große Plage erwähnt, einer “abscheulichen Fäulnis,
die Knochen der Betroffenen aufzehrt”. Die Epidemien wurden meist als Gottesgericht und
als reinigendes Feuer gedeutet, woher auch die oben genannten Namen rühren. Die Menschen
der damaligen Zeit wussten freilich noch nichts vom Zusammenhang
ihrer Krankheit und dem Genuß von verseuchtem Roggenmehl. Vielfach wurden die
Massenvergiftungen, die sich oft in bizarren Wahnvor-stellungen zeigten, den Hexen in
die
Schuhe geschoben, was Hexenver-folgungen und Verbrennungen nach sich zog. Die Mutterkornvergiftungen waren bis etwa 1600 verschwunden, tauchten aber dann wieder mit
aller
Macht auf. Im Jahre 1676 wurde das erste Mal auf eine Verbindung der Epidemien mit dem Mutterkornpilz hingewiesen. 1790 wurde die Landbevölkerung das erste Mal von der
deutschen Regierung über Mutter-kornvergiftungen informiert, es wurden
technisch verbesserte Dreschmaschinen eingesetzt und die Seuche so gut wie zum
Verschwinden gebracht. Doch noch im
Jahre 1927 brach eine weitere Epidemie über 11000 russische Bauern aus. Die letzte schwere Massenvergiftung geschah im Jahre 1951 in Frankreich, der ca. 300 Menschen durch
verseuchtes
Mehl zum Opfer fielen. Die Betroffenen litten teilweise noch monatelang unter den immer wiederkehrenden Vergiftungs-erscheinungen. Das Mutterkorn wurde 1582 von Adam
Lonitzer erstmals erwähnt. Ende des 17. Jahrhunderts führte es Camarus bei der Geburtshilfe
ein. DR. Albert Hofmann entwickelte im Jahre 1943 aus dem Mutterkorn das LSD.